Ansichtskarte: Grüße aus dem Ferienlager Otterndorf, 1966
Sommerlager
Seit 1963 unterhält die Stadt Hannover an der Elbemündung zwischen Cuxhaven und Otterndorf das Sommerlager Hinrich-Wilhelm-Kopf. Zunächst konzipiert als reines Kinder-Ferienlager ist es heute zum Sommercamp Otterndorf gewachsen.
Auf der Postkarte von 1966 sind mehrere eigenständigen Zeltdörfer erkennbar, die - wie soll es anders sein - allesamt Namen Hannoverscher Stadtteile trugen, so gab es hier Vinnhorst, Hainholz, Linden etc.
Im Juli 1966 organisierte die St. Benno Gemeinde in Hannover-Linden dort eine Ferienfreizeit, an der ich als 13-jähriger Junge teilnahm. Etwa 90 Jungen der Katholischen Jugend Hannover logierten im Zeltdorf Döhren; 9 Zelte für je 10 Jungen, ein Orga-Zelt sowie ein gemeinsames großes Esszelt.
In unserem Dorf lebten neben uns Jungen noch der Lagerleiter, der sich trotz seines Amtes zumeist kumpelhaft zeigte, und auch unser Herr Kaplan Stefan Peusen (Kaplan in St. Clemens, †2012) lief hier statt im Talar in blauer Turnhose umher, konnte aber unter Umständen aufgrund einer Fehlstellung seines rechten Auges seltsam böse dreinschauen.
Ein Verwaltungstrakt beherbergte die Büros des Lagerleiters Wolfgang Pahl, eine große Werkstatt zum Töpfern, Werken und Basteln, eine große Sporthalle (Niedersachsenhalle) eine Krankenstation, ein kleineres Feuerwehrfahrzeug, den Bücherbus und als großen Anziehungspunkt einen Kiosk, der diverse Süßigkeiten verkaufte.
So allzu viel ging am Kiosktresen allerdings nicht, denn als Taschengeld für den 3-wöchigen Aufenthalt waren 20 DM empfohlen, so dass pro Tag etwa eine Mark - heute also knapp 50 Cent - zur Verfügung standen.
Mache Jungen kamen mit deutlich größerer Barschaft daher und da das Geld aus Sicherheitsgründen vom Gruppenleiter eingesammelt und somit öffentlich wurde, entstand mitunter ein persönlicher Reich-Arm-Konflikt, der ausgehalten werden musste. Häufig genug stand dann auch auf den nach Hause geschickten Ansichtskarten der Satz: „Liebe Eltern, schickt Geld!“. In der Regel war nach dem Eltern-Besuchstag die persönliche Lagerkasse dann doch wieder etwas aufgefüllt.
In der Lagerordnung strengstens untersagt war der Zutritt zum Küchentrakt – nur zur Mittagszeit, Punkt 12:00 Uhr – mussten zwei Kinder eines jeden Dorfes hier antreten und zwei, drei große Bottiche mit Mittagessen (für ja rund 90 hungrige Mäuler) auf kleinen Handkarren in ruckeliger Fahrt in ihre jeweiligen Esszelte transportieren.
Der zum Lager gehörende See war bei sommerlichem Wetter stets heftig umlagert. Unter der Aufsicht eines Schwimmmeisters konnten wir das Standleben genießen und im Wasser tollen oder in kleinen Kajaks den Paddelschein machen, vor dessen Zuteilung allerdings eine Eskimorolle zu absolvieren war, eine Mutprobe, zu der sich nicht jeder hinreißen ließ.
Ein mächtiges Theater war die Dorf-Olympiade, bei der die einzelnen Zelte eines Dorfes gegeneinander antraten und in diversen sportlichen und geistigen Aufgaben einen Sieger ausmachten. Hier ist mir folgende nette Begebenheit in Erinnerung geblieben:
Die Aufgabe war für 50 Pfennig den größten im Lager erhältlichen Gegenstand ins Dorf zu bringen.
Unser Zelt schaffte klugerweise aus dem schon erwähnten Kiosk einen großen Verpackungskarton herbei und wir glaubten uns damit schon als Sieger, denn sieben andere Gruppen hatten wir damit abgehängt. Blieb nur noch eine Gruppe – und die kam schließlich – au man, unter dem Getöse eines Martinshornes! Hatten die Jungs doch den Feuerwehrmann mit 50 Pfennig bestochen, das Fahrzeug in langsamer Fahrt in unser Dorf zu fahren. Auf seinem Schoß am Steuer saß ein Junge aus der Gruppe und bediente das Lenkrad. Aufgabe erfüllt, klarer Sieger.
Ferngeblieben bin ich immer bei Fußballspielen, das war nicht mein Ding. Ich bin dann allein auf den nahen Deich geklettert, habe mich ins Gras gesetzt und den Wellen der Nordsee zugehört, wenn sie bei Flut beständig und gleichförmig am Deichfuß aufliefen. Und während die anderen Jungs Tore erzielten, ist damals genau hier meine bis heute anhaltende große Liebe zum Meer erwacht.
Das alles war 1966. Ein Jahr später, 1967 war ich ein zweites Mal als Junge im Ferienlager und 1972 dann auch als Gruppenleiter. Bis heute sind mir die wunderschönen Tage im Ferienlager Otterndorf eine wertvolle Erinnerung.
Jedes Kind im Ferienlager erhielt den Wegweiser für das Sommerlager Otterndorf, ein interessantes Büchlein als Tagebuch mit viel Wissenswertem.
(MB)
Ort: Hannoverscher Weg 6Personen: Bettin, Michael; Peusen, Stefan





